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Mittelstandsumfrage Herbst 2022: Aktuelle Lage noch zufriedenstellend – Erwartungen brechen ein

Der Mittelstand kann sich den Auswirkungen der Energiekrise nicht entziehen. Zwar ist die Bewertung der aktuellen Lage immerhin noch auf einem zufriedenstellenden Niveau, die Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate haben sich jedoch zum dritten Mal in Folge verschlechtert und rutschen im Herbst dieses Jahres auf ein Allzeit-Tief. Die Krisen kamen zuletzt in immer schnellerer Folge: Coronapandemie, Lieferengpässe, Ukraine-Krieg und die daraus resultierende Energiekrise sorgten auch im Mittelstand für immer größere Belastungen. Erschwerend kam hinzu, dass es dazwischen keine längeren Erholungsphasen gab. Im Gegensatz zu den meisten vorangegangenen Krisen erfasst die Energiekrise nun alle Branchen und Größenklassen.

Das sind die Ergebnisse der Herbst-Ausgabe der gemeinsamen Mittelstandsstudie von DZ BANK und des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).  Sie basiert auf einer repräsentativen Umfrage unter mehr als 1.000 mittelständischen Unternehmen und beinhaltet zudem die VR-Bilanzanalyse.

Das insgesamt noch recht zufriedenstellende Niveau bei der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage im Mittelstand, aber auch bei den deutschen Unternehmen insgesamt steht im Einklang mit der Konjunkturentwicklung im bisherigen Jahresverlauf. So ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 0,4% gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Zudem hat im September die Industrieproduktion zugelegt, und zwar um 0,6% gegenüber dem Vormonat und um 2,6% gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Sommer verlief also auch für die deutsche Wirtschaft insgesamt noch zufriedenstellend. Die Risiken nehmen aber zu und Deutschland dürfte in den nächsten Quartalen in eine Rezession schlittern.

Nach Unternehmensgröße betrachtet hat die Geschäftslagebewertung im Mittelstand in allen Größenklassen nachgegeben. Die aktuelle Lage wird aber weiterhin von den kleinen mittelständischen Unternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten als besonders schwach eingeschätzt. In dieser Größenklasse gleichen sich aktuell sogar die Anteile der positiven und negativen Bewertungen der Unternehmen aus. Das ist das schlechteste Ergebnis seit drei Jahren.

Geschäftslage gibt in allen Größenklassen nach

Bei der Branchenbetrachtung fällt das Bild weniger einheitlich wie bei der Unternehmensgröße oder bei den Geschäftserwartungen aus. Besonders stark fiel die Eintrübung der Geschäftslage binnen eines halben Jahres bei den Mittelständlern in der Chemie- und Kunststoffindustrie aus. Diese Branche ist sehr energieintensiv und somit überdurchschnittlich stark vom Anstieg der Energiepreise betroffen.


Bei vielen Chemieunternehmen geht Erdgas als Rohstoff direkt in die Produktion ein, etwa bei der Herstellung von Ammoniak oder bei der entsprechenden Düngerproduktion. Hier belasten nicht nur die hohen Kosten, sondern auch die Sorge um die Verfügbarkeit.

Aktuelle Studie „Mittelstand im Mittelpunkt“ hier herunterladen.

Geschäftserwartungen fallen auf historisches Tief

Wie groß die Sorgen der mittelständischen Unternehmen vor diesem Winter wirklich sind, zeigen die Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate überaus deutlich. Diese haben sich nicht nur zum dritten Mal in Folge verschlechtert. In der aktuellen VR Mittelstandsumfrage unter mehr als 1.000 mittelständischen Unternehmen glauben auch nur noch 10% der Befragten, dass sich ihr Geschäft im kommenden halben Jahr verbessern wird. Dagegen erwarten 53% der Befragten eine Verschlechterung. Vor einem halben Jahr waren noch 26% von einer Verbesserung überzeugt und 30% gingen von einer Eintrübung aus.

Mit einem Saldo aus optimistischen und pessimistischen Antworten in Höhe von -43 Punkten sind die Geschäftserwartungen damit auf ein neues Allzeit-Tief gefallen. Vor sechs Monaten, als der Ukraine-Krieg gerade begonnen hatte, betrug der Antwortsaldo noch „lediglich“ -4 Zähler. Aber selbst zum Höhepunkt der Finanzkrise fiel der Saldo aus positiven und negativen Antworten mit -10,9 Punkten bei weitem nicht so schlecht aus wie nun in der Energiekrise.

Dauerprobleme wie der Fachkräftemangel – und jetzt noch die Energiekosten

Die Energiekrise zeigt direkte Auswirkungen auf die aktuellen Problemfelder der mittelständischen Unternehmen. So haben die Energiekosten in diesem Herbst den Fachkräftemangel als größtes akutes Problem abgelöst. 88% der Mittelständler identifizierten die gestiegenen Energiekosten als Problem für ihr Unternehmen. Vor einem halben Jahr waren es 82% der Befragten.

Auch wenn der Fachkräftemangel damit von seiner angestammten Spitzenposition bei den aktuellen Problemfeldern rutschte, hat er für den Mittelstand selbst in der Energiekrise kaum an Bedeutung verloren. Vier von fünf Befragten identifizieren den Fachkräftemangel auch weiterhin als wichtiges aktuelles Problem. In unserer Frühjahrsumfrage waren es mit 83% der Befragten aber noch etwas mehr gewesen.

Auf Rang 3 der von den Mittelständlern derzeit meistgenannten Problemfelder folgt wie schon in der Frühjahrsumfrage die Sorge um die hohen Rohstoff- und Materialkosten. Auch dies betrifft rund 80% der Befragten und damit nur marginal weniger als vor einem halben Jahr (81%). Im Bau und im Ernährungsgewerbe sind es sogar jeweils 91%. Noch im Frühjahr 2021 belasteten die Rohstoff- und Materialkosten nur knapp 56%.

Drei Viertel der Mittelständler hat Preise schon erhöht

Auch der Mittelstand sah sich zuletzt aufgrund der stark gestiegenen Energiekosten, aber auch wegen nach und nach deutlich höherer Einkaufspreise immer stärker zu Preissteigerungen gezwungen. Rund drei Viertel aller mittelständischen Unternehmen gaben bereits zum zweiten Mal in Folge an, dass sie ihre Absatzpreise in den vergangenen sechs Monaten erhöht haben. Preissenkungen haben demgegenüber lediglich jeweils 2% der Befragten gemeldet.

Immerhin scheint sich langsam ein Ende der immer neuen historischen Höchststände bei der Preisentwicklung anzudeuten. Zumindest im Mittelstand ist in diesem Herbst der Anteil der Unternehmen leicht gesunken, die in den kommenden sechs Monaten ihre Preise erhöhen wollen: Gaben vor einem halben Jahr noch 69% der Befragten an, dass sie ihre Absatzpreise steigern wollten, und nur 2%, dass sie Preissenkungen planten, waren es in der aktuellen Umfrage 68% bzw. 6%. Damit fiel der Saldo aus geplanten Preissteigerungen und Preissenkungen seit dem Frühjahr leicht von 67 Punkten auf 62 Punkte. Das ist aber immer noch der zweithöchste Wert seit Bestehen unserer Mittelstandsumfrage.

Neben der seit 1995 zwei Mal im Jahr durchgeführten VR Mittelstandsumfrage, einer repräsentativen Umfrage unter 1.000 mittelständischen Unternehmen im September/Oktober 2022 in Deutschland, enthält der vorliegende Mittelstandsbericht mit der VR Bilanzanalyse eine detaillierte Auswertung der Abschlussdaten, welche mittelständische Firmenkunden für die Jahre ab 2001 einreichten.

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